Aus der Praxis für die Praxis: Fachzeitschrift für datenbasierte Unternehmensführu​ng und Controlling

04/25

Vom Problem zum VPH-Skandal – wenn persönliche Eitelkeit Reformen blockiert

Redaktionsteam 'Controlling-Paper'

Ausgangssituation

 Veraltete Kostenrechnung als strukturelles Risiko für Unternehmen und Hochschulen

Seit Jahren werden erhebliche Schwächen und Fehler in der traditionellen Kosten- und Leistungsrechnung (KLR) offengelegt, die für den Anwender ‚Unternehmen‘ ein massives Insolvenzrisiko hat.

Die klassische lineare Kostenträgerrechnung mit Maschinenstundensätzen, wie sie vielerorts noch gelehrt wird, ist für Unternehmen nicht mehr tragfähig. In der Praxis wurde diese Methodik vielerorts bereits seit Mitte der 1990er Jahre abgelöst, da sie insbesondere für modulare und systemische Beschaffung wirtschaftlich ungeeignet ist.

Zentrale Anforderungen an ein zeitgemäßes Kostenmanagement – wie Echtzeit-Unternehmenscontrolling, Frühwarn- und Überwachungssystem, Kosten-Wettbewerbsanalysen, strategisches Preismanagement, agile Beschaffungssteuerung, Marktreaktionsfähigkeit und risikobasiertes Denken – lassen sich mit den alten KLR-Modellen nicht erfüllen.

Auch die Kalkulationsgüte ist mit der alten klassischen KLR mangelhaft!

Ebenso mangelt es an Anschlussfähigkeit zu modernen Enterprise Performance Management-Systemen (EPM), was Unternehmen anfällig für strategische Fehlentscheidungen, mangelnde Transparenz gegenüber Stakeholdern und letztlich sogar insolvenzgefährdende Fehlsteuerung macht.

Diese Defizite betreffen nicht nur Industrieunternehmen. Auch im Dienstleistungssektor sind spezifische, von der Produktionslogik abweichende Modelle erforderlich – Lösungen, die bereits vor über zehn Jahren in Zusammenarbeit mit Unternehmen wie RWE und Miele sowie zwei Hochschulen durch den festgestellten Bedarf entwickelt wurden.

Eine Untersuchung an der TU Dortmund hat zudem offengelegt, dass viele Hochschulen – seit Jahrzehnten – veraltete KLR-Konzepte unverändert reproduzieren. Die fehlende methodische Weiterentwicklung in der akademischen Lehre stellt nicht nur für Unternehmen ein Risiko dar, sondern auch für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt.

Wir haben den neuen Verband privater Hochschulen (VPH) freundlich auf diese Missstände hingewiesen, stießen jedoch auf eine unerwartet ablehnende Haltung. Dies wirft grundlegende Fragen zur Innovationsfähigkeit der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre und der Ursache für diese gezeigte Reaktion dazu auf, die wir in diesem Artikel kritisch beleuchten.

Hier unser VPH-Anschreiben: 

"Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schneck, sehr geehrte Damen und Herren des VPH-Vorstands,

ergänzend zu unserem bisherigen Schreiben möchten wir nochmals mit Nachdruck auf einen Aspekt hinweisen, der aus unserer Sicht nicht länger ausgeblendet werden darf: die weiterhin unzureichende Aktualisierung betriebswirtschaftlicher Lehrinhalte – insbesondere im Bereich Controlling, Unternehmenssteuerung, Management und Kalkulation.

In vielen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen, gerade auch an den privaten Hochschulen, wird noch immer auf überholte Modelle der Kosten- und Leistungsrechnung gesetzt. Diese stammen aus der industriellen Vergangenheit, ignorieren zentrale Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld und sind daher in der heutigen Unternehmenspraxis nicht tragfähig.

In einer Promotionsarbeit an der Technischen Universität Dortmund wurde diesen Missstand wissenschaftlich analysiert und eindeutig belegt: man hat 50 Jahre nur alles ungeprüft weitergegeben! Weder werden moderne Controlling-Ansätze für das Produktionsunternehmen und das Dienstleistungsbusiness angemessen vermittelt, noch werden zentrale Steuerungsgrößen wie die Auslastung korrekt abgebildet.

Damit fehlt es Unternehmen an belastbaren Grundlagen für Frühwarnsysteme, Wettbewerbsanalysen und strategische Steuerung – mit zunehmend spürbaren Folgen: sinkende Wettbewerbsfähigkeit, Ressourcenverschwendung und Insolvenzen. Dies betrifft nicht nur auf die Methodik für Produktionsunternehmen zu, sondern auch das heute dominierende Dienstleistungsbusiness, dessen Steuerungslogik sich grundlegend von der industriellen unterscheidet.

Dennoch finden sich entsprechende Lehrinhalte kaum in den Curricula – trotz verfügbarer, publizierter und praxiserprobter Methoden. Fachplattformen wie z.B. das Controlling-Portal oder auch unsere neue Zeitschrift „Controlling-Paper“ dokumentieren dies regelmäßig mit großer Klarheit.

Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass wir die bestehende Struktur der Hochschulaufsicht in Deutschland gut kennen und ausdrücklich anerkennen:

  • Die Wissenschaftsministerien der Länder führen institutionelle Evaluationen durch und überwachen Qualität und Rechtmäßigkeit des Hochschulbetriebs.
  • Akkreditierungsagenturen wie FIBAA, ZEvA oder ACQUIN prüfen Studiengänge im 5–7-Jahres-Rhythmus auf Struktur, Inhalte und Personalqualität – unter Aufsicht des Akkreditierungsrats.
  • aDer Wissenschaftsrat begleitet Hochschulen mit Promotionsrecht oder forschungsintensivem Anspruch. • Und jede Hochschule ist verpflichtet, ein internes Qualitätssicherungssystem zu etablieren, das ebenfalls extern begutachtet wird.

Doch all diese Mechanismen führen bislang nicht dazu, dass die Lehrinhalte tatsächlich auf der Höhe der heutigen wirtschaftlichen Realität sind. Es entsteht der Eindruck, dass strukturelle Überprüfungen die inhaltliche Stagnation nicht durchbrechen können – ein Risiko für den privaten Hochschulstandort und die Praxis gleichermaßen. Wir sehen daher den Verband in einer besonderen Verantwortung, zumindest den Anstoß zu geben für eine offene, kritische Diskussion über die künftige Ausrichtung der wirtschaftswissenschaftlichen Curricula.

Nicht als Eingriff in die Lehrfreiheit, sondern als Impuls zur Sicherung der Relevanz, Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft unserer privaten Hochschulen. Denn es geht hier nicht um Detailkritik – es geht um die zentrale Frage, ob unsere Ausbildung die ökonomischen Realitäten von heute und morgen wirklich abbildet.

Und um die Verantwortung, dieses Thema nicht weiter unter den Tisch zu kehren.

Wir haben das Thema in unserer Ausgabe am 01.12 zum Titelthema gemacht! Wir danken Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und stehen jederzeit gern für den weiteren Austausch zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen Das Redaktionsteam / Hagen Königseder 


Schlusskommentar unseres Reaktionsteams:  Zwischen Eitelkeit und Realitätsverweigerung – das KLR-Dilemma der Hochschulen und beim VPH

Die gravierenden Schwächen der klassischen Kosten- und Leistungsrechnung (KLR) sind seit Jahren nicht nur bekannt, sondern in Fachliteratur, Praxisbeispielen und Unternehmensanalysen klar dokumentiert.

Trotzdem wird an vielen Hochschulen weiterhin unbeirrt an überholten Modellen wie z.B. der linearen Kostenträgerkalkulation mit Maschinenstundensätzen festgehalten – fast so, als hätte sich die Realität seit Jahrzehnten nicht verändert.

Das ist nicht nur erstaunlich, sondern schlicht nicht nachvollziehbar. Denn wer die Grundlagen unternehmerischer Steuerung ernst nimmt, muss sich doch fragen:

Wie kann eine Hochschule heute noch lehren, dass mit einer linearen Kostenkalkulation die Kosten-Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens realistisch bewertet werden kann? Die klare Antwort: Das ist nicht möglich. Diese Methode ignoriert zentrale Einflussgrößen und liefert keine belastbaren Steuerungsgrößen für ein wettbewerbsintensives Umfeld.

Noch gravierender ist das vollständige Versagen der klassischen Vollkostenrechnung bei der Abbildung von Auslastungsverlusten – einem der entscheidenden Kosten- und Risikohebel in den Unternehmen. Wo wird in den alten Rechenmodellen die Verlustleistung der Fertigung bei Unterauslastung verursachungsgerecht ausgewiesen? Nirgends. Und dennoch wird diese Rechenlogik bis heute in Vorlesungen und Klausuren als Standard präsentiert.

Oder ein weiteres Beispiel: Die Gemeinkostenbelastung wird klassisch über Bezugsgrößen verteilt. Wo ist der Bezug zur Absatzleistung. Nur über die Absatzleistung können Kosten und EBIT erwirtschaftet werden?  Auch hier fehlen die erforderlichen Datenstrukturen in der Betriebsbuchhaltung vollständig.

Und schließlich ein Punkt, der die Praxisrelevanz endgültig ad absurdum führt: Seit rund 30 Jahren werden in der Industrie zunehmend Module und komplette Systeme statt Einzelkomponenten beschafft. Wie soll ein Unternehmen bei dieser Beschaffungslogik mit Herstellkosten (HK) und Selbstkosten (SK) auf Basis alter KLR-Modelle wirtschaftlich kalkulieren? Es funktioniert nicht – und trotzdem findet sich dieser Denkfehler noch immer in aktuellen Lehrbüchern. Wo ist der Kontakt zur Basis ‚Unternehmen‘?

Es ist unbestreitbar: Die klassische Vollkosten- und auch Teilkosten-rechnung weist in nahezu allen Anwendungsbereichen gravierende methodische Fehler auf. Dass diese veralteten Modelle über Jahrzehnte hinweg an Hochschulen gelehrt wurden – ohne kritische Reflexion, ohne Praxisabgleich – ist kein bloßes Versäumnis, sondern ein strukturelles Versagen.

Gerade von Fachleuten in der Hochschullehre – ebenso wie von einem Verband wie dem VPH – darf man erwarten, dass sie sich dieser Realität stellen. Eitelkeit, fachliche Selbstverteidigung oder gar ein lähmendes Schuldbewusstsein helfen niemandem weiter – weder den Studierenden und den Unternehmen noch dem Wirtschaftsstandort Deutschland.

Ja, es ist ernüchternd, dass so lange ein unzeitgemäßes Rechenmodell als betriebswirtschaftliche Wahrheit vermittelt wurde. Aber es ist nicht zu spät, dies zu korrigieren. Im Gegenteil: Es ist höchste Zeit, Verantwortung zu übernehmen und auf die Herausforderungen der Gegenwart mit adäquaten, wissenschaftlich fundierten und praxisgerechten Methoden zu reagieren.

Das Eingeständnis eines Irrwegs ist kein Zeichen von Schwäche – es ist ein notwendiger Schritt zu echtem Fortschritt. Wer heute noch schweigt oder abwehrt, macht sich mitschuldig an der nächsten Generation von Fehlentscheidungen.

Vor diesem Hintergrund ist die kategorische Ablehnung von fundierten Hinweisen – wie sie unsere Redaktion beim Verband privater Hochschulen (VPH) erfahren hat – nicht nur enttäuschend, sondern ein ernsthaftes Alarmsignal.

Die Fakten sind öffentlich, die Kritik fundiert, die Weiterentwicklungen seit Jahren zugänglich und alles einfach nachweisbar; auch ohne Fachwissen.

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Der fehlende Praxisbezug und die Ignoranz gegenüber den Anforderungen moderner Unternehmenssteuerung sind kein bloßes Versäumnis, sondern ein struktureller Rückschritt – mit dramatischen Folgen für Lehre, Unternehmen und den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland. Wer Studierenden heute noch Denkmodelle von gestern vermittelt, versperrt ihnen den Zugang zu den notwendigen Lösungen von heute und morgen.

Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass es nicht um Sachargumente, sondern um persönliche Eitelkeiten geht – insbesondere dann, wenn auch fachfremde Beobachter längst erkannt haben, dass die Weiterverwendung klassischer KLR-Methoden ein echtes Insolvenzrisiko darstellt.

 Es ist höchste Zeit, dass sich die Hochschulen dieser Verantwortung stellen. Wissenschaft muss hinterfragen, nicht bewahren – und Lehre muss sich an der Realität orientieren, nicht an historischen Routinen. Alles andere ist nicht nur fachlich unhaltbar, sondern auch ein Armutszeugnis für das Selbstverständnis der ökonomischen Ausbildung in Deutschland.