Aus der Praxis für die Praxis: Fachzeitschrift für datenbasierte Unternehmensführu​ng und Controlling

04/25

Keine Promotion ohne kritische Auseinandersetzung mit der klassischen Kosten-Leistungsrechnung (KLR)

Bernd Robertz

Dissertationen auf Basis der klassischen Kosten- und Leistungs-rechnung (KLR): Nur im reflektierten Vergleich mit moderner KLR wissenschaftlich heute noch tragfähig


Veraltete klassische Kosten- und Leistungsrechnung in der Hochschullehre und ihre Implikationen für die wissenschaftliche Qualität von Promotionsarbeiten.

  Trotz weitreichender Veränderungen in der Unternehmenspraxis, insbesondere im Hinblick auf datenbasierte Entscheidungsunterstützungs-Systeme und digitale Steuerungsinstrumente wie moderne Enterprise Performance Management-Systeme (EPM-S), sowie trotz der vielfach belegten groben Schwächen und Fehlannahmen der traditionellen Kosten- und Leistungsrechnung (KLR) – die dem Anwender ‚Unternehmen‘ ein nachweislich erhöhtes Insolvenzrisiko auferlegt – wird an zahlreichen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland weiterhin an der unveränderten Vermittlung klassischer KLR-Konzepte festgehalten.

Dies geschieht ungeachtet zahlreicher öffentlich zugänglicher Warnungen, fundierter Analysen und der grundsätzlich hohen Nachvollziehbarkeit der zugrundeliegenden Sachverhalte.

Die daraus resultierende Diskrepanz wirkt sich nicht nur negativ auf die betriebswirtschaftliche Ausbildungspraxis aus, sondern wirft auch grundlegende Fragen hinsichtlich der wissenschaftlichen Qualität von Promotionsvorhaben auf. 


Der vorliegende Beitrag analysiert systematisch die Ursachen dieser inhaltlichen Stagnation, diskutiert die daraus resultierenden Risiken für die betriebswirtschaftliche Forschung und zeigt Perspektiven für eine konzeptionelle Neuausrichtung von Lehre und Promotionspraxis auf.


Einleitung

Die betriebswirtschaftliche Kosten- und Leistungsrechnung ist ein zentrales Element der Unternehmenssteuerung und Grundlage vieler strategischer Entscheidungen. Während sich Unternehmen zunehmend in Richtung digitaler, prädiktiver und wertorientierter Steuerungssysteme, immer mit der Basis der heute verfügbaren modernen Kosten- und Leistungsrechnung, bewegen, verharrt ein Großteil der akademischen Ausbildung in Modellen des 19. Jahrhunderts. Dies betrifft insbesondere die Vermittlung und Anwendung der Vollkosten-, Teilkosten- und Grenzplankostenrechnung. Dieser Zustand wirft grundlegende Fragen hinsichtlich der wissenschaftlichen Integrität und Aktualität von Hochschulen auf.

Auch Promotionen haben belegt und beschäftigen sich aktuell damit, dass man seit 50 Jahre die alten KLAR-Methoden ungeprüft und unangepasst an die neuen Herausforderungen, wie notwendige Wettbewerbsanalysen in der heutigen Globalisierung.

Historische Entwicklung und Status Quo der KLR-Lehre

Seit den 1960er-Jahren bilden die Methoden der Vollkosten- und Teilkosten-rechnung die Grundlage der klassischen Lehre des Kosten- und Leistungs-rechnungssystems (KLR) im deutschsprachigen Raum.

Diese Methoden wurden bereits im 19. Jahrhundert für industrielle Produktionsstrukturen entwickelt, die sich durch homogene Leistungsprozesse, vereinfachte Anwendungen  und lineare Kostenfunktionen auszeichneten.

Allerdings wurden bereits in diesen frühen Konzepten grundlegende methodische Fehler begangen – etwa durch stark vereinfachende Annahmen, unklare Kostenverrechnungsprinzipien oder die Vernachlässigung dynamischer Zusammenhänge, wie etwa dem zentralen Kosten- und Veränderungsparameter Auslastung. Diese methodischen Schwächen wurden über Jahrzehnte – teils mehr als 50 Jahre – weitgehend ungeprüft und unangepasst an die heutigen Herausforderungen übernommen und in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre fortgeschrieben.

Heute sind die ursprünglichen Rahmenbedingungen, auf denen diese Konzepte basieren, in vielen Branchen nicht mehr gegeben. Seit den 1990er-Jahren besteht zudem ein zunehmender Bedarf an einer weiterentwickelten KLR-Methodik, insbesondere in strategisch wichtigen Erfolgsbereichen wie dem Beschaffungsmanagement und dem internen ID-Preismanagement.

Auch die heute gängige Praxis des Einkaufs ganzer Systeme und Module lässt sich nicht mehr adäquat über klassische, lineare Kostenträgerkalkulationen auf Basis von Maschinenstundensätzen abbilden.

Ein weiteres Beispiel für die Inadäquatheit klassischer KLR-Modelle sind Wettbewerbsanalysen, die in einem globalisierten Marktumfeld unerlässlich geworden sind – theoretisch jedoch bereits mit den Grundannahmen der traditionellen KLR unvereinbar sind.

Dennoch zeigt sich – und das erscheint aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar, dass eine Vielzahl aktueller Modulhandbücher, Vorlesungsskripte und Standardwerke weiterhin auf diesen überholten und gefährlichen Modellen basiert und damit eine zeitgemäße KLR-Lehre verhindert und zu falschen Promotionsergebnissen zwingend führt.

Promotionsarbeiten als Replikationsinstrumente

Promotionsarbeiten gelten als wissenschaftlicher Beitrag zur Theorieentwicklung oder Praxisanwendung. In der Realität vieler BWL-Fakultäten handelt es sich jedoch um Variationen bestehender Modelle, deren Grundannahmen selten kritisch hinterfragt werden.

Besonders problematisch ist, dass Dissertationen auf veralteten KLR-Modellen aufbauen können, ohne dass dies im Begutachtungsverfahren als Mangel gewertet wird.

Die Promotionsbetreuung und die Gutachten folgen häufig einer wissen-schaftlichen Tradition, die selbst nicht mehr dem Stand der internationalen Forschung und praktischen Ist-Situation entspricht.

Wissenschaftstheoretische Kritik

Aus wissenschaftstheoretischer Sicht verstößt die unreflektierte Verwendung überholter Modelle gegen das grundlegende Prinzip des Forschens am aktuellen Erkenntnisstand. Wissenschaft lebt von der kritischen Auseinandersetzung mit der jeweils gültigen Forschungslage sowie der kontinuierlichen Weiterentwicklung bestehender Konzepte.

Arbeiten, die sich auf die klassische Kosten- und Leistungsrechnung stützen – insbesondere auf Verfahren wie z.B. die lineare Kostenträgerkalkulation mit Maschinenstundensätzen, der alte Betriebsabrechnungsbogen (BAB) mit der methodisch falschen Gemeinkostenfaktoren-Ermittlung, oder die vereinfachte überholte Deckungsbeitrags- und Break Even-Rechnung – ohne deren grundlegende methodische Schwächen zu benennen und kritisch zu diskutieren, entziehen sich diesem Anspruch.

Solche Schwächen und Fehler umfassen unter anderem die Annahme linearer Kostenverläufe, die Missachtung dynamischer Einflussgrößen (wie Auslastung, Komplexität oder Variantenvielfalt), Unterschied zwischen Einzel- und Mehrproduktunternehmen sowie die fehlende Eignung zur Abbildung heutiger Wertschöpfungsstrukturen.

Ein weiteres Beispiel ist die fehlende methodische Differenzierung zwischen Produktionsunternehmen und dem Dienstleistungssektor.

In Dienstleistungsunternehmen ist der zentrale Kosten- und Steuerungsparameter die Produktivität, die sich maßgeblich aus Verfügbarkeit und Auslastung der Leistungserbringung ergibt – häufig mit einem Kostenanteil von bis zu 50 % der Gesamtkosten. Diese Struktur unterscheidet sich grundlegend von der industriellen Fertigung und erfordert daher eine vollständig andere KLR-Methodik mit eigenen Steuerungsgrößen, Einflussfaktoren und anderen Wirkmechanismen. Die im Dienstleistungsbusiness notwendige Methodik sind seit über zehn Jahren bekannt, publiziert und in bekannten Unternehmen wie RWE, Miele (Teammitglieder bei der Entwicklung) integriert – finden jedoch in der klassischen KLR-Lehre und damit auch in vielen Promotionsarbeiten nach wie vor kaum Berücksichtigung.

Eine Dissertation, die auf solchen alten gefährlichen Modellen aufbaut, ohne deren begrenzte Anschlussfähigkeit an die heutige Unternehmensrealität offenzulegen, verliert damit einen wesentlichen Teil ihrer wissenschaftlichen Gültigkeit.

Solche Arbeiten sind weder anschlussfähig an die internationale Forschung, noch liefern sie den aktuellen Stand in der Unternehmenspraxis – noch leisten sie einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Fachgebiets.


Systemische Ursachen für die Persistenz veralteter KLR 

Es stellt sich die Frage, warum dieses Phänomen bestehen bleibt, obwohl alle Lehr- und Forschungstexte veröffentlicht sind. Dies ist Gegenstand neuer Promotionsarbeiten, da eigentlich nicht nachvollziehbar.

Mögliche Gründe:

  • Pfadabhängigkeit: Hochschullehrer lehren oft, was sie selbst gelernt haben, ohne sich aktiv auf neue Erkenntnisse einzulassen.
  • Fehlende Interdisziplinarität: Moderne KLR-Modelle erfordern Kenntnisse in IT, Statistik und Data Analytics, die in der traditionellen BWL-Lehre kaum verankert sind.
  • Institutionelle Trägheit: Curricula werden selten grundlegend reformiert.
  • Mangel an externem Druck: Anders als in der Medizin oder Technik existiert im BWL-Bereich kaum ein verbindlicher "Stand der Wissenschaft", der über Peer-Review hinausgeht.

Gefahren für Praxis und Wissenschaft

Dissertationen, die auf veralteten KLR-Modellen basieren, können erhebliche negative Folgen für Wissenschaft und Unternehmenspraxis nach sich ziehen.

Sie:

  • legitimieren Fehlentscheidungen in Unternehmen,
  • perpetuieren ineffiziente Steuerungs- und Kalkulationsmodelle,
  • verzerren die Ausbildung zukünftiger Führungskräfte,
  • und gefährden langfristig das Ansehen der Betriebswirtschaftslehre als wissenschaftliche Disziplin.
  • Ein zentrales Problem ist die nach wie vor weit verbreitete Anwendung klassischer Verfahren wie der linearen Kalkulation über Maschinen-Stundensätze, die nur eine geringe Kalkulationsgüte aufweisen.

Diese alte KLR-Methodik ist für zentrale Unternehmensfunktionen wie dem ID- Preismanagement, Ressourcenallokation oder strategische und operative Entscheidungsfindung unzureichend – mit weitreichenden Folgen; bis zur Insolvenz des Anwenders ‚Unternehmen‘

  • Besonders gravierend sind die Auswirkungen auf die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen am Standort Deutschland. Die klassische KLR erlaubt keine fundierten Wettbewerbsanalysen; Unternehmen kennen ihre tatsächliche Kosten- und Preisposition im globalen Wettbewerb nicht. Das führt zunehmend dazu, dass Aufträge an internationale Wettbewerber verloren gehen – nicht aufgrund schlechter Produkte, sondern aufgrund fehlender Transparenz über die eigene Wettbewerbsfähigkeit.

Die Folge ist ein Auslastungsrückgang, dessen betriebswirtschaftliche Wirkung mit klassischen KLR-Modellen ebenfalls nicht in seiner realen Hebelwirkung erkannt und gesteuert werden kann.

Dieser blinde Fleck trägt messbar zur Insolvenzlage in Deutschland bei. Allein im Jahr 2025 sind über 450 Insolvenzen von Industrie-unternehmen mit einem Jahresumsatz über 10 Mio. Euro Umsatz dokumentiert. Hier zeigt sich die strukturelle Relevanz der KLR-Problematik in ihrer ganzen Tragweite – nicht als akademische Debatte, sondern als realwirtschaftliches Risiko.

Vorschläge für eine Reform 

Eine wissenschaftlich fundierte Neuausrichtung wäre möglich durch:

  • Umstellung der KLR-Lehre auf die neue moderne KLR, gelebt in der Praxis seit vielen Jahren, mit der fachlichen Auseinandersetzung zwischen der alten und neuen modernen Kosten- und Leistungsrechnung.
  • Einbindung neuer Systeme: Die Verwendung moderner Enterprise Performance Management-Systeme (EPM-S), wie nur mit der modernen KLR-arbeiten können. Nur so sind Echtzeitbewertung von Auslastung, Wettbewerbsfähigkeit und Krisenindikatoren möglich.
  • Verbindliche wissenschaftstheoretische Reflexion in jeder Promotionsarbeit.
  • Evaluation von Promotionsarbeiten anhand internationaler Standards.
  • Sich an das Vorbild technischer Promotionsarbeiten orientieren. Hier würde eine neue Promotionsarbeit sofort negativ z.B. für die alte Telefonzelle auffallen, wenn man heute überall über die moderne Handy- Technik sichtbar verfügt.
  • Einbindung externer Praxis-Gutachter in Promotionsverfahren.
  • Einfach mal neutral die Fakten bewerten. Das die alte klassischen KLR massive Schwächen und Fehler hat, würde ofort auffallen.

Fazit

Die fortwährende Verwendung überholter Modelle der klassischen Kosten- und Leistungsrechnung in Lehre und Promotion ist nicht als individuelles Versäumnis Einzelner zu werten, sondern Ausdruck eines strukturellen Versagens in Wissenschaft und Hochschulsystem.

Die fehlende methodische Weiterentwicklung und kritische Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Substanz dieser Modelle verdeutlicht eine systemische Inflexibilität, die den Anschluss an internationale Forschungsstandards ebenso verhindert wie die Relevanz betriebswirtschaftlicher Erkenntnisse für die Praxis.

Besonders alarmierend ist, dass Dissertationen, die auf den veralteten Grundlagen der klassischen KLR basieren – trotz nachgewiesener gravierender methodischer Mängel und realwirtschaftlicher Risiken –, weiterhin zugelassen und sogar mit akademischen Graden ausgezeichnet werden.

Die geltenden Promotionsvorschriften und -verfahren haben hier offensichtlich versagt und bedürfen dringend einer inhaltlichen und ethischen Neuausrichtung.

Die Folgen dieses akademischen Stillstands sind nicht theoretischer Natur, sondern konkret und messbar: Unternehmen, die auf Basis solcher Modelle gesteuert werden, verfehlen ihre Wettbewerbsfähigkeit im globalen Markt, verlieren systematisch Aufträge und geraten in existenzielle Krisen. Anwender leben und agieren mit einem hohen vermeidbaren privaten Haftungsrisiko.

Die zunehmenden Insolvenzen – darunter hunderte größerer Unternehmen in Deutschland – belegen den betriebswirtschaftlichen Blindflug, den die alte KLR verursacht oder zumindest nicht zu verhindern vermag.

Promotionsarbeiten, die auf der klassischen KLR ohne kritische Einordnung und methodische Weiterentwicklung basieren, dürfen vor dem Hintergrund dieser Gefahren nicht mehr akzeptiert werden.

Die betriebswirtschaftliche Forschung trägt Verantwortung – nicht nur für den akademischen Diskurs, sondern auch für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften.

Eine tiefgreifende Reform der KLR-Lehre, ihrer methodischen Grundlagen und der wissenschaftlichen Standards in Promotionsverfahren ist deshalb nicht nur geboten, sondern überfällig.


Literaturhinweise:

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  • Zangemeister, C. H. (1976): Nutzwertanalyse in der Systemtechnik, München.