Aus der Praxis für die Praxis: Fachzeitschrift für datenbasierte Unternehmensführu​ng und Controlling

04/25

Die unterschätzte Verlustleistung der Fertigung in der Break-Even-Analyse:

Kritische Betrachtung der klassischen Methode und ein Vorschlag zur Neumodellierung

Felix Huebner

1. Einleitung

Die Break-Even-Analyse ist ein zentrales Instrument der Kosten- und Leistungsrechnung zur Ermittlung der Gewinnschwelle eines Unternehmens. In ihrer klassischen Form geht sie von fixen und variablen Kosten sowie einer konstanten Absatzleistung aus. Diese Betrachtungsweise hat sich in der Praxis weitgehend gefährlich etabliert.

Dennoch zeigt sich, dass insbesondere in fertigungsintensiven Unternehmen gravierende Verzerrungen entstehen, wenn reale Kapazitätsausnutzung und nichtproduktive Verlustleistungen unberücksichtigt bleiben.

Dieser Text beleuchtet die strukturellen Schwächen der traditionellen Break-Even-Methodik und zeigt auf, wie eine differenzierte Betrachtung der Fertigungskapazität, inklusive statischer und dynamischer Verlustleistung, zu einem realistischeren Modell führen kann.

2. Theoretische Grundlagen der klassischen Break-Even-Analyse

Die klassische Break-Even-Analyse basiert auf der Unterteilung der Gesamtkosten in fixe und variable Bestandteile. Die Gewinnschwelle (Break-Even-Point, BEP) ergibt sich durch die Gleichung:

Diese Formel impliziert:

  • Eine vollständige Nutzung der produzierten Einheiten für den Absatz
  • Eine konstante Fixkostenstruktur, unabhängig von der Auslastung
  • Keine unproduktive Nutzung von Ressourcen

 

3. Kritik der klassischen Methodik: Das Problem der Verlustleistung

Die realitätsferne Annahme einer konstanten, voll ausgelasteten Fertigung führt zu systematischen Verzerrungen. Zwei Hauptprobleme werden bislang nicht adressiert:

a) Statische Verlustleistung der Fertigung

Unabhängig vom Tagesgeschehen ergibt sich in Produktionssystemen eine strukturell bedingte Nichtnutzung von Kapazität. Gründe hierfür sind u. a. Rüstzeiten, Materialengpässe, geplante Stillstände sowie ständige Portfolioanpassungen. Studien und betriebliche Erfahrungen zeigen, dass dieser Verlust im Durchschnitt etwa 7% der installierten Leistung beträgt.

b) Dynamische Verlustleistung durch Unterauslastung

Reduziert sich die Absatzmenge, entsteht eine zusätzliche Verlustleistung: Ressourcen bleiben ungenutzt, obwohl sie Kosten verursachen. Diese Verluste schlagen sich nicht in variablen Kosten nieder, sondern erhöhen die effektive Fixkostenbelastung pro verkaufte Einheit erheblich.

 

4. Reale Fixkostenstruktur:     Personal- und Betriebskosten im Kontext der Auslastung

Besonders in der Fertigung nehmen Personalkosten und die Maschinenkosten eine hybride Rolle ein. Die installierte Fertigungsleistung definiert diese Kosten als Fixkosten pro Jahr.

Wichtig ist nun die Feststellung der Verlustleistung der Fertigung als Summe aus statischer Verlustleistung und der dynamischen Verlustleistung.

Nur über die Absatzleistung der Fertigung können die Kosten, inklusiv der Kosten der Verlustleistung der Fertigung erwirtschaftet werden.

Eine realistische Modellierung erfordert daher immer eine Differenzierung der Fixkosten mit dem Hauptkostentreiber Verlustkosten der Fertigung (verursacht durch statische und dynamische Nichtnutzung.

 

5. Vorschlag zur Neumodellierung der Break-Even-Analyse

Ein erweitertes Modell muss Verlustleistungen systematisch integrieren. Dazu gehören folgende Schritte:

  1. Definition der installierten Fertigungsleistung mit seinen Gesamtkosten
  2. Berücksichtigung der statischen Verlustleistung (ca. 7% pauschal oder empirisch bestimmt)
  3. Feststellung der tatsächlich genutzten Absatzleistung, die die dynamische Verlustleistung der Fertigung zwingend bestimmt
  4. Berechnung der dynamischen Verlustleistung:
  5. Fixkostenkorrektur um die Verlustleistung der Fertigung
  6. Neue Break-Even-Berechnung:

 

6. Erstes Fazit

Die Berücksichtigung der Verlustleistungen (statisch und dynamisch) in der Fertigung markiert keinen bloßen methodischen Fortschritt, sondern einen notwendigen Paradigmenwechsel in der Break-Even-Analyse. Die klassische Methodik – mit der Annahme voll ausgelasteter Kapazitäten und konstant fixer Kosten – ist nicht nur unzureichend, sondern in ihrer Anwendung auf fertigungsintensive Unternehmen fundamental falsch.

Die nachgewiesene Ignoranz statischer und dynamischer Verlustleistungen führt systematisch zu verzerrten Ergebnissen, falschen Kostenkalkulationen und damit zu gravierenden Fehlentscheidungen im Unternehmensalltag.

Wer weiterhin auf die klassische Formel vertraut, riskiert die wirtschaftliche Existenz des Unternehmens und handelt unter Umständen grob fahrlässig.

Insbesondere in Branchen mit hoher Fixkostenquote und schwankendem Produktmix – etwa in der Industrieproduktion oder im dienstleistungsorientierten Projektgeschäft – darf die traditionelle Break-Even-Analyse unter keinen Umständen mehr zur operativen oder strategischen Steuerung eingesetzt werden.

Unternehmen sind daher dringend aufgefordert, ihre internen Steuerungsmodelle und Controlling-Instrumente unverzüglich zu überarbeiten und an realitätsnahe, kapazitätsbezogene Modelle anzupassen. Ein Verzicht auf diese Korrektur birgt nicht nur betriebswirtschaftliche Risiken wie Fehlinvestitionen, Liquiditätsengpässe oder Insolvenzen, sondern kann bei nachweislich falscher Methodenanwendung auch privatrechtliche Haftungstatbestände für die verantwortlichen Entscheidungsträger nach sich ziehen.

Ebenso sind die betriebswirtschaftliche Hochschullehre sowie die Autorinnen und Autoren einschlägiger Fachliteratur dringend gefordert, ihre Inhalte zeitnah zu überarbeiten, da die weitere Verbreitung veralteter Modelle in der Ausbildung die strukturelle Anwendung gefährlicher Fehler fortschreibt – mit weitreichenden Konsequenzen für Unternehmen, dem Wirtschaftsstandort Deutschland und Verantwortungsträger gleichermaßen.

 

7. Grenzen der klassischen Formel im Mehrproduktunternehmen

Ein weiteres fundamentales Problem der klassischen Break-Even-Analyse ist ihre Beschränkung auf nur Einproduktunternehmen. Die zugrunde liegende Formel setzt einen einheitlichen Deckungsbeitrag voraus, was in einem Unternehmen mit mehreren Produkten, variierenden Kostenstrukturen und Preisen nicht gegeben ist.

Die Fixkosten sind in Mehrproduktunternehmen nicht einzelnen Produkten zuordenbar, insbesondere dann nicht, wenn diese Kosten durch übergreifende Strukturen (z. B. Verwaltung, Gebäude, Fertigungsstraßen) verursacht werden.

Versuche, dieses Problem durch gewichtete Durchschnittsdeckungsbeiträge zu umgehen, scheiterte bisher an der Realität wechselnder Absatzmengen und instabiler Produktmixe.

Die dadurch entstehenden Verzerrungen führen zu erheblichen Verzerrungen in der Steuerung und stellen die Anwendbarkeit der klassischen Break-Even-Methode bei Mehrproduktunternehmen grundsätzlich nicht nur Frage, sondern führt zur klaren Feststellung ‚Nicht anwendbar‘.

Eine korrekte Modellierung müsste den realen Produktmix, flexible Kapazitätsnutzung sowie differenzierte Kosten- und Leistungsrelationen berücksichtigen – ein Anspruch, den die klassische Methode nicht leisten kann.

Gesamtfazit

Die klassische Break-Even-Analyse steht nicht nur wegen ihrer Einprodukt-Fokussierung schon lange in der Kritik, sondern weist grundlegende strukturelle Schwächen und Fehler auf, die eine praktische Anwendbarkeit in der heutigen Unternehmens-realität nicht mehr erlaubt.

Die Annahmen vollständiger Kapazitätsauslastung, konstanter Fixkosten und der Ausschluss unproduktiver Verlustleistungen der Fertigung führen zu systematischen Verzerrungen mit Insolvenzrisiko für den Anwender ‚Unternehmen‘ – insbesondere in fertigungsintensiven Unternehmen mit komplexen Produktions- und Absatzstrukturen.

Neben der fehlenden Berücksichtigung von statischer und dynamischer Verlustleistung offenbart sich ein weiteres zentrales Problem: Die Nicht-Zurechenbarkeit der Fixkosten auf einzelne Produkte in Mehrprodukt-unternehmen.

In der Realität verursachen Produkte Kosten nicht isoliert, sondern innerhalb gemeinsamer Strukturen, was die Anwendung der klassischen Formel unzulässig vereinfacht. Die resultierenden Break-Even-Ergebnisse suggerieren Sicherheit, wo Unsicherheit und Komplexität herrschen – mit weitreichenden Folgen für Investitionsentscheidungen, Preisstrategien und Kapazitätsplanungen.

Ein bloßes Anpassen von Parametern innerhalb des bestehenden Modells reicht nicht aus.

Es braucht einen grundlegenden Paradigmenwechsel, bei dem Kapazitätsnutzung, Verlustleistung und Produktmix nicht als Störgrößen, sondern als zentrale Steuerungsfaktoren verstanden und modelliert werden. Nur so lassen sich unternehmerische Entscheidungen auf eine belastbare wirtschaftliche Grundlage stellen.

Die traditionelle Break-Even-Analyse darf daher weder in der betrieblichen Praxis (!) noch in der betriebswirtschaftlichen Ausbildung (!) weiter als Standardinstrument vermittelt oder angewendet werden.

Ihr Fortbestehen in unveränderter Form gefährdet nicht nur die betriebliche Führung und Steuerung, sondern stellt in en meisten Fällen auch eine betriebswirtschaftliche Fehleinschätzung mit haftungsrelevanten Konsequenzen dar.

Eine Neuausrichtung hin zu realitätsnahen, kapazitätsorientierten Controlling-Instrumenten ist überfällig – nicht als methodisches Update, sondern als überlebenswichtige Korrektur eines überholten Denkmodells mit hoher Insolvenzgefahr für die Unternehmen.

Literaturverzeichnis

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